Digimon Story: Time Stranger hat ein gutes Gespür dafür, wann seine Kämpfe spannend werden. Sobald ein Titan den Weg versperrt, reicht es nicht mehr, einfach die stärkste Attacke zu wählen. Dann zählen Reserven, Statuswerte, Gegenstände und die Frage, welche Digitation für das eigene Team gerade wirklich hilft.
Umso auffälliger ist, wie wenig das Spiel zwischen diesen Höhepunkten mit seiner Welt anfängt. Time Stranger bietet viele Systeme, die Digimon-Fans lange beschäftigen können. Die Wege zu den nächsten Aufgaben fühlen sich dagegen oft starr und unnötig lang an. Das J-RPG ist deshalb vor allem für Spieler interessant, die Freude daran haben, ein Team Schritt für Schritt auszubauen.
Die Bosskämpfe verlangen endlich einen Plan
Das Grundgerüst ist klassisch: Drei Digimon kämpfen aktiv, drei weitere warten als Reserve und können jederzeit nachrücken. Das ist mehr als ein Sicherheitsnetz. Gegen stärkere Gegner kann ein Wechsel nötig werden, weil ein anderes Digimon besser zum gegnerischen Typ oder zu dessen Elementschwächen passt.
Die Typen Serum, Daten und Virus folgen einem klaren Kreislauf. Dazu kommen Widerstände und Schwächen etwa gegen Feuer, Wasser oder Eis. Time Stranger erklärt diese Informationen angenehm direkt mit farbigen Prozentwerten. Dadurch bleibt das System verständlich, auch wenn mit der Zeit viele Werte, Effekte und Fähigkeiten zusammenkommen. Wer Gegner analysiert oder sich im Kampf aufmerksam verhält, bekommt die nötigen Hinweise, statt sich durch kleine Symbole arbeiten zu müssen.
Bei normalen Begegnungen wird dieses Wissen allerdings kaum gebraucht. Viele Kämpfe in den Gebieten sind so leicht, dass sie vor allem Erfahrungspunkte bringen. Sie lassen sich vermeiden, automatisiert austragen oder vorspulen. Das spart Zeit und kostet keine Erfahrungspunkte. Falls nötig, kann man wieder selbst eingreifen. Die automatische Steuerung nutzt jedoch weder Gegenstände noch die X-Künste des Agenten. Für einfache Gefechte ist das praktisch, bei anspruchsvolleren Situationen aber keine Lösung.
Ganz anders wirken die Titanen. Diese Bosse halten viel aus, können zusätzliche Gegner mitbringen oder ihre Zugzahl erhöhen. Kämpfe von 15 bis 30 Minuten sind möglich. Hier werden Buffs, Debuffs und Statusveränderungen wichtig. Angriffskraft zu senken oder einen Gegner schlafen zu schicken, kann den Verlauf deutlich verändern. Auch Gegenstände und die X-Künste, die erst über gesammelte Kampfpunkte eingesetzt werden, gehören nun zum Plan.
Genau in diesen Duellen zeigt sich die Stärke des Kampfsystems. Die vielen Optionen sind nicht bloß Menüarbeit, sondern können einen harten Kampf entscheiden. Schade ist nur, dass das Spiel seine normalen Gegner so selten nutzt, um Spieler auf diese Tiefe vorzubereiten.
Aus kleinen Monstern wird ein langfristiges Projekt
Time Stranger wird mit zunehmender Spielzeit deutlich komplexer. Digimon können bis zur Mega-Stufe digitieren, doch dafür müssen Voraussetzungen erfüllt werden. Der Agentenrang spielt dabei ebenso eine Rolle wie weitere Anforderungen. Es genügt also nicht, nur Erfahrung zu sammeln. Wer bestimmte Entwicklungen anstrebt, muss sein Team gezielter planen.
Die Digifarm unterstützt diesen Teil des Spiels. In diesem virtuellen Trainingsbereich lassen sich Bindungen durch Geschenke stärken und Eigenschaften trainieren. Trainingslevel, Charakterzüge und die Verbindung zum Agenten wirken sich auf die Stärke der Digimon aus. Hinzu kommen Ausrüstung und Crafting, die später wichtiger werden.
Auch der Agent entwickelt sich weiter. Anomalie-Punkte schalten auf einem fünfteiligen Talentbaum neue Vorteile frei und helfen bei weiteren Digitationen. Gespräche mit den Digimon können deren Charakterzüge beeinflussen und zusätzliche Verstärkungen freischalten. Diese kurzen Dialoge wiederholen sich allerdings und bleiben inhaltlich recht simpel.
Das alles ist viel, wird aber nicht unnötig unübersichtlich. Time Stranger will offenbar, dass Spieler mit den Werten experimentieren, ohne erst ein kompliziertes Regelwerk lernen zu müssen. Gerade wer gerne mehrere Digimon aufbaut und nicht immer nur bei drei Favoriten bleibt, findet hier ein System mit genügend Raum zum Tüfteln.
Eine Welt, die zu selten zum Erkunden einlädt
Die Handlung führt vom Tokio der Menschenwelt in verschiedene Regionen von Iliad, die Dazwischen-Welt und weitere digitale Orte. Im Zentrum stehen Inori Misono und Aegiomon, dessen Suche nach seiner eigenen Herkunft und Zugehörigkeit eng mit Inoris Geschichte verbunden ist. Die Erzählung nimmt sich Zeit. Der eigentliche Titelschriftzug erscheint erst nach etwa sieben Stunden.
Visuell trifft das Spiel den Anime-Stil gut. Besonders die Kämpfe und animierten Zwischensequenzen sehen stark aus. In Dialogen bricht dieser Eindruck jedoch häufiger weg. Der eigene Agent bleibt weitgehend stumm, obwohl die Figur gestikuliert und Lippen bewegt. Eine deutsche Sprachausgabe gibt es nicht, nur englische und japanische Vertonung mit Untertiteln.
Der größere Schwachpunkt ist aber die Interaktion mit der Umgebung. Die Spielfigur kann nur an bestimmten Punkten handeln, etwa später mit Palmon über Schluchten schwingen. Viele unsichtbare Grenzen und kleine Hindernisse machen die Areale weniger lebendig, als sie aussehen. Schnellreisepunkte und eine Reit-Funktion helfen beim Unterwegssein, verhindern aber nicht, dass sich manche Wege unnötig ziehen.
Auch die Nebenaufgaben tragen wenig dazu bei, die Welt interessanter zu machen. Zu oft bleiben sie bei einfachen Botengängen. Wer ein J-RPG vor allem wegen seiner frei wirkenden Orte und vielen Entdeckungen spielt, wird hier wahrscheinlich schneller ungeduldig als jemand, der direkt zum nächsten Kampf oder zur nächsten Digitation möchte.
Für Team-Bastler trägt die Rechnung
Digimon Story: Time Stranger ist kein Spiel, das seine besten Ideen gleichmäßig verteilt. Die Erkundung bleibt linear und oft zu unbeweglich, während die Nebenaufgaben selten überraschen. Die Geschichte hat mit Inori und Aegiomon einen emotionalen Kern, braucht aber Geduld, bis sie richtig in Gang kommt.
Dafür hat das Spiel ein Kampfsystem, das sich von verständlichen Grundlagen zu fordernden Bossduellen entwickelt. Die Titanen geben dem Ausbau des Teams einen echten Zweck. Wer an Digitationen, Werten, Fähigkeiten und gut vorbereiteten Rundenkämpfen Freude hat, bekommt hier viel Stoff. Wer hingegen eine offene, aktiv erkundbare Welt erwartet, wird zwischen den großen Kämpfen zu häufig gegen unsichtbare Grenzen und Routineaufgaben laufen.