Die Complete Edition von Ghost of Yotei will nicht einfach nur eine längere Fassung sein. Sie ergänzt Atsus Reise mit der Story-Erweiterung Echos von Sekigahara und stellt ihr mit Meistgesucht einen Modus zur Seite, der fast nur aus Kämpfen, Boni und neuen Versuchen besteht. Das passt besser zusammen, als es erst einmal klingt.
Denn die Erweiterung schaut zurück und erklärt mehr über Atsu, während der neue Roguelike-Modus den Blick nach vorn richtet: Wer das Kampfsystem mag, bekommt einen Grund, auch nach der Geschichte weiter mit Waffen, Talismaneffekten und verschiedenen Figuren zu experimentieren. Nicht jede neue Aufgabe fühlt sich frisch an. Insgesamt baut die Complete Edition aber sinnvoll auf dem auf, was Ghost of Yotei schon ausgemacht hat.
Echos von Sekigahara macht Atsu greifbarer
Die neue Geschichte spielt vor Atsus Kämpfen gegen die letzten beiden Mitglieder der Yotei-Sechs. Sie führt in die Ashoro-Ausläufer im Osten von Ezo und erzählt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart begegnet Atsu Nagato, einer Person aus ihrer Vergangenheit. Gleichzeitig geht es drei Jahre zurück zur Schlacht von Sekigahara, die im Hauptspiel bereits eine Rolle spielte.
Dieser Aufbau ist wichtig, weil die Erweiterung nicht bloß einen weiteren Gegner an Atsus Weg stellt. Sie nimmt sich Zeit für ein Kapitel, das erklärt, was sie geprägt hat. Besonders gut funktioniert dabei, dass Atsu verletzlicher gezeigt wird, ohne dass ihre Rolle als entschlossene Kriegerin verloren geht. Die Geschichte gewinnt dadurch etwas, das offene Spielwelten mit vielen Aufgaben manchmal vermissen lassen: Sie bleibt nah an einer Figur und ihrem Konflikt.
Auch für die Welt von Ghost of Yotei bringt das etwas. Die Vipern, eine neue feindliche Gruppe, sind ehemalige Anhänger der Schlange, dem ersten Boss der Hauptgeschichte. Dadurch erhält diese zuvor eher blasse Figur rückwirkend mehr Bedeutung. Die Erweiterung beantwortet zudem einige offene Punkte und zeigt, was der Tod eines Mitglieds der Yotei-Sechs bei dessen Leuten auslöst. Das macht die neuen Kapitel mehr als nur einen Ausflug in ein weiteres Gebiet.
Inhaltlich beschäftigt Echos von Sekigahara ungefähr zehn Stunden. Darin stecken Story-Aufgaben, Erkundung und bekannte optionale Aktivitäten. Es gibt neue Duelle, Verbrecherjagden, Schreine, Quellen, Rüstungen und Glücksspiele. Vieles davon funktioniert wie schon im Hauptspiel ordentlich, bleibt aber auch ähnlich vertraut. Gerade die Nebenaufgaben folgen oft bekannten Open-World-Mustern und überraschen nicht ständig.
Neue Fähigkeiten geben den Kämpfen mehr Möglichkeiten
Am Kern der Kämpfe wurde nicht gerüttelt. Weiterhin ist wichtig, die richtige der vier Primärwaffen gegen den passenden Waffentyp zu wählen. Dieses klare System sorgt dafür, dass Gefechte nicht nur aus Angriffen bestehen. Man achtet darauf, was Gegner tragen, wechselt die Waffe und sucht nach einem guten Moment für Parade oder Konter.
Die neuen Fähigkeiten erweitern das sinnvoll. Atsu kann mit gutem Timing Pfeile fangen und besonders schwere Waffen einsetzen, die viel Schaden anrichten. Das sind keine Änderungen, die das Spiel umwerfen. Sie geben Spielern aber mehr Optionen, wenn mehrere Gegner Druck machen oder wenn ein Duell einen anderen Rhythmus braucht.
In den Schlachthäusern der Vipern kommt außerdem eine neue Ressource dazu. Sie wird für bestimmte Verbesserungen benötigt. Das verbindet die neue Feindgruppe direkt mit dem Fortschritt, statt sie nur als Kulisse für Kämpfe zu nutzen.
Die Ashoro-Ausläufer selbst sehen im Verlauf der Erweiterung anders aus. Zu Beginn dominieren graue und braune Töne. Wenn Atsu die Vipern zurückdrängt, wird die Natur wieder farbiger. Diese Veränderung gibt dem Gebiet einen sichtbaren Verlauf. Ganz neue Arten von Landschaften sollte man allerdings nicht erwarten, denn viele Ansichten erinnern an Orte aus dem übrigen Ezo. Die Panoramen bleiben trotzdem stark und der eigene Stil der Spielwelt trägt weiterhin viel zur Stimmung bei.
Technisch läuft die Complete Edition überwiegend stabil. Selten werden Texturen etwas spät geladen, und bei besonders viel Geschehen kann die Bildrate kurz nachgeben. Das fällt auf, weil die Welt sonst sehr dicht wirkt, wird aber nicht zu einem größeren Problem. Die deutsche Sprachausgabe und der Soundtrack unterstützen die Geschichte weiterhin sehr gut.
Meistgesucht ist für alle, die noch kämpfen wollen
Der deutlichste Gegensatz zur ruhigen Erkundung ist Meistgesucht. In diesem Roguelike-Modus jagt man ein Mitglied der Yotei-Sechs. Vor dem finalen Boss geht es durch größere Arenen mit Gegnerwellen und manchmal auch Zwischenbossen. Schleichen spielt hier keine Rolle. Es geht direkt in den Kampf.
Nach bestimmten Etappen gibt es Boni, aus denen nach und nach ein Build entsteht. Eine perfekte Parade kann etwa einen Blitz auf einen Gegner herabrufen. Andere Verbesserungen erhöhen die Chance, dass Gegner bestimmte Waffen fallen lassen. Gerade dieses Ausprobieren macht den Modus spannend: Eine Jagd kann ganz anders laufen, je nachdem, welche Effekte früh auftauchen und welche Waffen gerade passen.
Zu Beginn steht nur Atsu zur Auswahl. Oyuki aus der Hauptgeschichte und Nagato lassen sich vergleichsweise schnell freischalten. Für Jin Sakai aus Ghost of Tsushima braucht es deutlich mehr Zeit. Seine Rückkehr ist ein schöner Bonus, vor allem weil die Figur nicht nur in einer Zwischensequenz auftaucht, sondern selbst spielbar wird.
Geld aus erfolgreichen Runden fließt in Figuren- und Waffenverbesserungen sowie Gegenstände wie Talismane. Das motiviert, weil frühe Niederlagen nicht einfach verpuffen. Nach den ersten Upgrades lassen sich Jagden besser drehen. Die Bosse bleiben aber auch dann anspruchsvoll. Wer alles freischalten möchte, muss einige Stunden investieren.
Ein kleiner Störpunkt bleibt das Lock-on. Es funktioniert nicht immer optimal und kann gerade in den hektischen Arenen im falschen Moment nerven. Weil Meistgesucht auf direkte Kämpfe ohne Ausweichweg setzt, fällt das hier stärker auf als in der Story.
Mehr Inhalt mit zwei klaren Seiten
Die Complete Edition ist dann am stärksten, wenn ihre beiden neuen Teile unterschiedliche Bedürfnisse abdecken. Echos von Sekigahara ist für alle wichtig, die mehr über Atsu und ihre Vergangenheit erfahren möchten. Die Erweiterung erzählt eine emotionale Geschichte und gibt einem bekannten Teil der Welt mehr Bedeutung. Meistgesucht richtet sich dagegen an Spieler, die die Kämpfe weiter ausreizen und mit Boni experimentieren wollen.
Die bekannten Nebenaktivitäten werden durch die neuen Aufgaben nicht plötzlich abwechslungsreicher, und die Ashoro-Ausläufer erreichen nicht immer den Überraschungseffekt des restlichen Ezo. Dafür sind die neuen Inhalte nicht beliebig angehängt. Sie erzählen etwas über Atsu, erweitern ihre Möglichkeiten und geben dem Kampfsystem eine eigene Spielwiese. Für eine Complete Edition ist das genau der richtige Weg: nicht alles neu machen, sondern das Bestehende an den Stellen ausbauen, an denen es wirklich weiterträgt.