CD Projekt hat bei der Entwicklung von Phantom Liberty offenbar nicht nur an neuen Quests gearbeitet, sondern die eigene Arbeitsweise grundlegend umgebaut. Lead Quest Designer Pawel Sasko beschreibt die Erweiterung als Ergebnis einer klaren Lehre aus dem problematischen Start von Cyberpunk 2077: Entscheidungen sollten früher im Team entstehen, enger abgestimmt werden und im Spiel für Spieler deutlicher nachwirken.
Das ist mehr als eine interne Produktionsgeschichte. Gerade bei einem Rollenspiel, das stark mit Wahlmöglichkeiten wirbt, entscheidet sich an solchen Abläufen, ob Konsequenzen nur irgendwo im Hintergrund existieren oder ob man sie beim Spielen tatsächlich bemerkt. Phantom Liberty sollte genau an diesem Punkt verständlicher und direkter werden.
Teams arbeiteten näher am selben Inhalt
Laut Sasko setzte CD Projekt bei Cyberpunk 2077 zunächst auf eine Struktur, die dem Wasserfallmodell ähnelte. Arbeit wanderte also von einer Abteilung zur nächsten, während viele Entscheidungen bei Leads und Directors zusammenliefen. Für ein großes Spiel mit Quests, Dialogen, Zwischensequenzen, Audio und Qualitätssicherung kann das bedeuten, dass einzelne Teile später zusammenfinden müssen.
Für Phantom Liberty änderte das Studio diesen Ansatz. Statt die einzelnen Gewerke nacheinander arbeiten zu lassen, entstanden multidisziplinäre Content-Teams, die intern Pods genannt wurden. Designer, Autoren, Cinematics-Teams, Artists, Audio und Qualitätssicherung arbeiteten dabei gemeinsam an denselben Inhalten.
Sasko betont, dass dieser Wechsel nicht sofort leicht war. Das Team musste die neue Zusammenarbeit erst lernen. Der wichtige Punkt ist aber: Entscheidungen über eine Mission, ihre Figuren, ihre Inszenierung und mögliche Folgen konnten näher beieinander getroffen werden. Das passt zu einer Erweiterung, deren Quests oft nicht nur eine Aufgabe abhaken sollen, sondern mehrere Figuren und Interessen gleichzeitig zusammenbringen.
Spionagegeschichten gaben der Erweiterung einen Rahmen
Auch der Stil von Phantom Liberty entstand nicht zufällig. Das Team orientierte sich laut Sasko an Spionagefilmen und Spionagegeschichten, darunter Dame, König, As, Spion, James Bond, Die Bourne Identität, Bridge of Spies und Ocean’s Eleven. Diese Vorbilder dienten nicht bloß als Dekoration, sondern als Werkzeug für die Gestaltung der Erweiterung.
Das ist bei der Handlung in Dogtown gut nachvollziehbar: V gerät dort in eine gefährliche Umgebung, in der Informationen, Loyalität und Täuschung wichtig sind. Besonders die Party im Black Sapphire und die musikalische Eröffnung greifen laut Sasko Elemente klassischer Spionagefilme auf.
Für Spieler ist dieser feste Genre-Rahmen vor allem deshalb relevant, weil er Quests eine klarere Richtung geben kann. Wenn eine Erweiterung weiß, welche Art von Spannung sie erzeugen möchte, lassen sich Dialoge, Orte und Entscheidungen besser aufeinander abstimmen. Phantom Liberty wollte offenbar nicht einfach nur mehr Night City liefern, sondern einen Abschnitt mit eigener Stimmung und eigenen Regeln.
Konsequenzen sollten nicht übersehen werden
Der vielleicht wichtigste Unterschied betrifft die Spielerentscheidungen. Sasko sagt, dass die Folgen von Entscheidungen im Hauptspiel aus Sicht des Teams möglicherweise zu subtil gewesen seien. Für Phantom Liberty wollte CD Projekt deshalb mehr Verzweigungen schaffen und Konsequenzen sichtbarer machen.
Dabei ging es nicht darum, jede Wahl sofort mit einer eindeutigen Bewertung zu versehen. Stattdessen sollten Nachrichten, Fotos, wiederkehrende Figuren und unterschiedliche Questverläufe daran erinnern, was zuvor passiert ist. Das lässt Raum für eigene Deutungen, macht den Zusammenhang zwischen Entscheidung und Folge aber leichter erkennbar.
Genau das ist bei Geschichten mit moralisch schwierigen Entscheidungen wichtig. Wenn ein Spiel nach einer großen Wahl einfach weitermacht, kann sich die Entscheidung schnell klein anfühlen. Wenn spätere Begegnungen oder Nachrichten daran anknüpfen, bleibt sie Teil der Welt. Sie muss nicht als richtig oder falsch abgestempelt werden, um Gewicht zu haben.
Eine Lehre, kein Schlussstrich
Cyberpunk 2077 hat sich laut CD Projekt inzwischen mehr als 40 Millionen Mal verkauft, Phantom Liberty liegt bei über 15 Millionen abgesetzten Einheiten. Sasko macht trotzdem deutlich, dass die Erweiterung den missglückten Start des Hauptspiels nicht ungeschehen machen kann.
Gerade deshalb ist seine Rückschau interessanter als ein einfacher Erfolgshinweis. CD Projekt beschreibt konkrete Änderungen: kleinere Teams mit mehreren Fachbereichen, ein klarer Genre-Fokus und sichtbarere Folgen für Entscheidungen. Von diesen Erfahrungen soll das Studio auch bei der Arbeit am Nachfolger von Cyberpunk 2077 profitieren.
Ob das künftige Spiel diese Lehren vollständig einlöst, lässt sich daraus natürlich noch nicht ableiten. Aber Phantom Liberty zeigt, worauf das Studio bei seinen nächsten großen Quests offenbar stärker achten will: Entscheidungen sollen nicht nur getroffen werden, sondern auch später noch spürbar bleiben.