Resident Evil Requiem setzt nicht einfach auf zwei bekannte Arten von Serienhorror. Es baut sein ganzes Spiel darum, dass Grace Ashcroft und Leon S. Kennedy dieselbe bedrohliche Welt völlig anders erleben. Grace soll möglichst ungesehen bleiben, improvisieren und mit wenig Sicherheit durch enge Situationen kommen. Leon bringt dagegen Waffen, Erfahrung und rohe Durchsetzungskraft mit.
Das ist mehr als ein Wechsel zwischen Schleichpassagen und Kämpfen. Die beiden Figuren verändern, wie gefährlich ein Ort wirkt und welche Entscheidung dort sinnvoll ist. Genau darin liegt eine der größten Stärken von Requiem. Der Wechsel hält die Spannung hoch, auch wenn nicht jede Seite des Spiels gleich überzeugend ist.
Grace macht aus bekannten Orten wieder unsichere Räume
Grace startet als Analystin, die wegen eines rätselhaften Falls in ein Hotel geschickt wird. Dort erfährt sie mehr über den Tod von Alyssa Ashcroft und wird von einer unbekannten Person entführt. Vieles an der weiteren Geschichte bleibt besser ungesagt, denn Requiem lebt sichtbar von Überraschungen, neuen Verbindungen und Orten, die Fans womöglich wiedererkennen.
Wichtiger für das Spielgefühl ist zunächst: Grace ist nicht als unaufhaltsame Kämpferin angelegt. Sie kann sich mit einem Messer wehren, später Waffen einsetzen und durch ausgebaute Analysefähigkeiten etwa tödliche Spritzen herstellen. Trotzdem bleibt ihre beste Möglichkeit oft, einen Gegner zu umgehen oder sich zu verstecken.
Das sorgt für die stärksten Horrormomente des Spiels. In einer frühen Szene muss Grace unter einem kleinen Holztisch ausharren, während die Gefahr direkt in der Nähe ist. Solche Situationen funktionieren, weil sie nicht nach einem großen Bosskampf verlangen. Sie verlangen Geduld und den Mut, erst einmal nichts zu tun. Wer Stealth-Horror mag, bekommt hier einen guten Grund, Räume genau zu beobachten statt jede Bedrohung sofort auszuschalten.
Die Karte hilft dabei erfreulich konkret. Sie zeigt mit fortschreitender Erkundung wichtige Orte und Fundstellen für Blutproben, Heilpflanzen und andere Gegenstände. Blutproben lassen sich an bestimmten Geräten untersuchen, um neue Rezepte freizuschalten. Das zugehörige Minispiel kann über Logik gelöst werden, lässt sich aber auch durch wiederholtes Ausprobieren knacken.
Das Crafting ist kein Selbstzweck, weil der Platz im Inventar begrenzt bleibt. Es geht also nicht nur darum, möglichst viel einzusammeln. Grace muss entscheiden, was für die nächste Gefahr wirklich mit soll. Dieses vertraute Prinzip passt gut zu einer Figur, die sich ihre Chancen erst erarbeiten muss.
Leon darf kämpfen, aber nicht gedankenlos
Leon beginnt mit eigenen Ermittlungen, bevor ihn die Ereignisse in Kämpfe mitten in der Stadt ziehen. Seine Abschnitte sind deutlich schneller. Er hat Zugriff auf neue Waffen, kann mit Axt und Kettensäge umgehen, die Umgebung stärker für Gefechte nutzen und notfalls mit seinem Roundhouse Kick nachhelfen.
Der Kontrast zu Grace ist sofort spürbar. Wo sie im Nahkampf meist nur Abstand schaffen kann, geht Leon viel härter vor. Seine ausschweifenden Bewegungen können Kämpfe allerdings gelegentlich unübersichtlich machen. Gerade wenn es hektisch wird, ist die Wucht der Aktionen also nicht nur Vorteil.
Trotzdem ist Leon nicht bloß die Pause vom Grusel. Die Geschichte deutet früh an, dass auch er Anzeichen einer T-Virus-Infektion zeigt. Experimente mit dem Virus spielen eine wichtige Rolle, und Grace steht im Zentrum der Handlung. Wie genau die Fäden zusammenlaufen, sollte das Spiel selbst erzählen dürfen.
Spannend ist, dass Grace und Leon manche Bereiche zeitversetzt besuchen. Ein Zombie, an dem Grace vorsichtig vorbeischleicht, kann später für Leon zum Anlass werden, gründlich aufzuräumen. Auch zurückgelassene Gegenstände können dann noch eine Rolle spielen. Das gilt nicht für jeden Ort, aber es gibt den zwei Spielweisen eine gemeinsame Grundlage. Die Figuren teilen sich keine Gegenstände über die Lagerbox, deshalb bleibt ihre Ausrüstung trotzdem getrennt.
Der Horror braucht nicht immer den nächsten Schreckmoment
Requiem nutzt bei Grace gerade zu Beginn häufige Jumpscares. Sie passen zu ihrer Unsicherheit, wirken aber nicht immer nötig. Geräusche, dunkle Umgebungen und teils sehr blutige Bilder erzeugen bereits genug Druck. Mutierte Menschen, Blut und Innereien gehören klar zum Bild dieses Resident Evil.
Viel wirkungsvoller sind die Momente, in denen das Spiel die Spieler nicht erschreckt, sondern warten lässt. Wenn man sich verstecken muss und nicht weiß, ob ein Gegner vorbeizieht oder doch noch nachsieht, entsteht eine viel länger anhaltende Anspannung. Leon liefert dann den Gegenpol mit rasanteren Kämpfen und sogar einer Sequenz mit einem Fahrzeug.
Die vollständig deutsche Synchronisation macht den Einstieg leicht, während die Zwischensequenzen die Geschichte mit viel filmischer Spannung tragen. Kleinere flackernde Elemente in einigen Bereichen fallen auf, halten sich aber offenbar in Grenzen.
Zwei Perspektiven, die sich wirklich anders anfühlen
Beide Figuren lassen sich jederzeit aus der Ego- oder Third-Person-Perspektive spielen. Das ist eine sinnvolle Option, aber die voreingestellten Blickwinkel haben einen klaren Vorteil: Grace wirkt in der Ego-Perspektive verletzlicher und unmittelbarer, Leon profitiert sichtbar vom Blick über die Schulter, wenn Kicks und Axt-Paraden im Bild bleiben.
Wer dicht vor dem Bildschirm sitzt, könnte Graces Ego-Perspektive als unangenehm intensiv empfinden. Das ist kein kleiner Hinweis bei einem Spiel, das gerade durch Enge, Geräusche und plötzliche Bedrohung arbeitet. Mehr Abstand zum Bildschirm kann helfen.
Resident Evil Requiem ist am besten, wenn es seine beiden Hauptfiguren nicht auf eine einfache Aufteilung reduziert. Grace liefert vorsichtigen, angespannten Survival-Horror mit knappen Ressourcen. Leon bringt Tempo, Waffen und deutlich mehr Selbstvertrauen, ohne dass die Handlung dadurch ihre Bedrohung verliert. Die wiederkehrenden Jumpscares sind eine Schwäche, und manche Kämpfe mit Leon geraten etwas unklar. Doch das Wechselspiel der beiden macht Requiem zu einem Horror-Abenteuer, das sowohl für Schleichfans als auch für Spieler mit Freude an härteren Actionpassagen viel bietet.