Peter Parker ist in Spider-Man: Brand New Day nicht einfach wieder allein. Er ist von der Welt vergessen worden, beobachtet MJ und Ned aus der Entfernung und stürzt sich umso verbissener in seine Arbeit als Spider-Man. Genau daraus zieht der Film seine stärksten Momente: Nicht ein großes Ereignis außerhalb von Peter zwingt ihn zur Veränderung, sondern etwas, das in ihm selbst wächst.
Der vierte Solofilm setzt rund vier Jahre nach Spider-Man: No Way Home ein. Er nutzt dessen bitteres Ende nicht als schnelle Rückkehr zu alten Freundschaften, sondern als Ausgangspunkt für einen Peter, der sich im Kampf gegen Verbrechen in New York verlieren könnte. Das macht Brand New Day erfreulich persönlich, auch wenn die 145 Minuten nicht durchgehend dieselbe Spannung halten.
Peter trägt den Film, auch wenn viele bekannte Figuren auftauchen
Die zentrale Idee ist klar: Peter versucht, seinen Schmerz nicht zuzulassen. Statt darüber zu sprechen, zieht er los, legt sich mit Gangsterbossen an und hält sich mit seiner Rolle als Held auf Abstand zu allem, was ihn verletzen könnte. Gleichzeitig verändern sich seine Fähigkeiten. Etwas in seiner DNA gerät außer Kontrolle, und Peter fürchtet, diese neue Seite nicht beherrschen zu können.
Damit stellt der Film eine viel interessantere Frage als bloß die nach dem nächsten Gegner: Was bleibt von Peter Parker übrig, wenn Spider-Man sein einziger Halt wird? Seine Angst, vielleicht eher ein Monster als ein Mensch zu sein, hat Gewicht. Gerade weil Peter keine einfache Antwort darauf bekommt, entsteht ein Konflikt, der nicht mit einem Faustschlag erledigt ist.
Bruce Banner wird deshalb nicht nur als bekanntes Gesicht eingebaut. Seine Erfahrung mit dem Hulk macht ihn zu jemandem, der Peters Situation verstehen kann. Er spricht von einer möglichen Behandlung, warnt aber zugleich davor, den eigenen Körper leichtfertig verändern zu wollen. Das passt gut zu Peters Lage, denn er sucht zwar Hilfe, möchte seine eigentlichen Gefühle aber weiter wegschieben.
Schade ist nur, dass Brand New Day dieses Thema nicht ganz so tief verfolgt, wie es könnte. Der Film spricht Peters innere Zerrissenheit deutlich an, zieht daraus aber nicht immer die unbequemsten Konsequenzen. Gerade die Veränderung seiner Kräfte hätte noch stärker zeigen können, wie sehr Peter sich selbst misstraut. So bleibt ein spannender Gedanke manchmal eher Hintergrund als der Mittelpunkt, den er verdient hätte.
Die Gastauftritte bleiben meistens Beiwerk
Mit Hulk und Frank Castle, dem Punisher, stehen zwei Figuren neben Peter, die sehr andere Wege im Umgang mit Gewalt und Wut kennen. Das könnte leicht dazu führen, dass Brand New Day zu sehr auf bekannte Namen setzt. Tatsächlich gelingt dem Film die Balance meist besser als erwartet.
Der Kampf zwischen Spider-Man und Hulk bringt die erwartete Wucht mit. Wichtiger für den Ton sind aber die Szenen mit Punisher. Die Sticheleien zwischen Peter und Frank sorgen für Humor, ohne Frank Castles ernste Vergangenheit kleinzureden. Peter lässt ihn dabei nicht einfach zur reinen Gewaltfigur werden. Stattdessen entsteht eine Dynamik, in der beide Figuren ihre völlig verschiedenen Grenzen zeigen.
Auch MJ und Ned sind wieder dabei, bekommen aber weniger Raum als in den drei vorherigen Filmen. Das ist die richtige Entscheidung. Ihre Einbindung nimmt dem Ende von No Way Home nicht die Folgen, und sie verschiebt die Geschichte nicht weg von Peter. Man merkt weiterhin, was ihre Abwesenheit für ihn bedeutet, ohne dass der Film die alte Freundschaft künstlich wiederherstellen muss.
Eine weitere wichtige Rolle spielt Sadie Sinks bislang geheimnisvoll gehaltener Charakter. Ihre Figur trägt eigene traumatische Erinnerungen mit sich herum und spiegelt damit Peters Versuch, vor der Vergangenheit wegzulaufen. Ihre Motivation bleibt verständlich, auch wenn ihr Plan bei genauerem Nachdenken deutlich einfacher hätte ausfallen können. Das ist einer der Momente, in denen der Film seine emotionale Richtung überzeugender trifft als seine Handlungskonstruktion.
New York fühlt sich wieder wie Spider-Mans Zuhause an
Bei der Action macht Brand New Day einen klaren Schritt nach vorn. Die Kämpfe haben mehr Wucht als in den drei Vorgängern, und die Schwungsequenzen durch die Häuserschluchten machen deutlich, warum New York für Spider-Man mehr als bloße Kulisse ist. Sie erinnern in ihrer Energie an die The Amazing Spider-Man-Filme und an die Marvel’s Spider-Man-Spiele.
Nicht jeder Effekt sieht dabei gleich stark aus. Das digitale Bild hätte an manchen Stellen sauberer ausfallen dürfen. Trotzdem trägt die Action, weil sie nicht nur auf Größe setzt. Spider-Man bewegt sich dynamisch durch die Stadt, und die Auseinandersetzungen fühlen sich näher an Peter und seinen Problemen an als an einer Pflichtübung für den nächsten riesigen Weltuntergang.
Das gilt besonders für den letzten Akt. Statt auf einen überladenen Showdown zu bauen, wird die Geschichte kleiner und persönlicher. Das ist eine kluge Wahl. Der Film will nicht vor allem beweisen, wie viel auf dem Spiel stehen kann, sondern was Peters Entscheidungen mit ihm selbst machen. Diese Haltung lässt Brand New Day angenehm losgelöst von den großen Ereignissen der Multiverse-Saga wirken.
Ein starker Neuanfang mit etwas zu viel Laufzeit
Spider-Man: Brand New Day funktioniert am besten, wenn er Peter nicht als unbesiegbaren Netzschwinger behandelt, sondern als jungen Menschen, der seine Trauer hinter einer Maske versteckt. Die bekannten Nebenfiguren bringen Energie und gute Reibung hinein, nehmen ihm aber nicht die Hauptrolle ab. Vor allem die Verbindung aus persönlichem Konflikt und beweglicher New-York-Action trägt den Film.
Nicht alles ist gleich rund. Einige Entwicklungen sind vorhersehbar, der Film dürfte etwas kürzer sein, und sein stärkstes Thema bleibt stellenweise unter seinen Möglichkeiten. Dennoch findet Brand New Day einen glaubwürdigen Weg nach dem Ende von No Way Home: Peter muss nicht nur wieder Spider-Man sein. Er muss erst herausfinden, wer Peter Parker ohne das Leben von früher noch sein will.