The Blood of Dawnwalker hat eine ziemlich klare Idee: Eine Rettungsmission soll sich nicht wie eine endlose Aufgabenliste anfühlen. Coen hat nur 30 Ingame-Tage, um seine Familie aus den Händen des Vampirfürsten Brencis zu befreien. Viele wichtige Missionen verbrauchen fest angezeigte Zeiteinheiten. Dadurch wird aus der offenen Welt keine bloße Sammlung von Symbolen, sondern ein Ort, an dem Entscheidungen wirklich etwas kosten.
Das funktioniert überraschend gut, auch weil das Spiel den Druck nicht künstlich versteckt. Vor zeitrelevanten Dialogentscheidungen warnt es, und freies Erkunden zieht keine Zeit ab. Trotzdem bleibt die Frage ständig im Kopf: Ist diese Nebenaufgabe den Einsatz wert, oder fehlt ihre Zeit später beim eigentlichen Ziel? Genau diese Unsicherheit gibt dem Rollenspiel einen eigenen Charakter. Sie kann aber auch Spieler ausbremsen, die in einer Open World am liebsten erst alles gründlich abarbeiten möchten.
Entscheidungen haben einen Preis
Die Geschichte führt ins Sangora-Tal der Karpaten im 14. Jahrhundert. Eine Pest sucht die Bevölkerung heim, während die Vrakhiri unter Brencis ihre Macht ausbauen. Sie heilen Menschen zwar von der Krankheit, behandeln sie aber zugleich als Blutvorrat. Coen wird nach einem Aufstand seines Dorfs selbst verwandelt, seine Familie wird entführt.
Das Spiel setzt bei Entscheidungen meist nicht auf einfache Heldentaten. Oft stehen zwei unangenehme Möglichkeiten gegenüber, und kleine Fehler können Folgen haben. Schon eine missglückte Handlung rund um Coens kranke Mutter kann einen späteren Ablauf verändern. Dazu kommt Coens Blutdurst in der Nacht. Blut ist nicht nur seine Lebensenergie: Betritt er hungrig wichtige Gespräche, kann der Durst die Kontrolle übernehmen und Figuren töten, die für Quests oder die Handlung wichtig sind.
Das ist eine starke Verbindung von Geschichte und System. Coen ist nicht nur in Zwischensequenzen ein Vampir, sondern seine Verwandlung verändert konkret, wie vorsichtig man spielt. Nachts ist er widerstandsfähiger und seine Klauen sind im Kampf sehr mächtig. Gleichzeitig wird gerade dann Vorbereitung wichtig. Wer ohne genug Blut in eine Szene geht, kann eine Entscheidung verlieren, bevor sie überhaupt getroffen wurde.
Die offene Welt bleibt zielgerichtet
Trotz frei erkundbarer Welt erzählt The Blood of Dawnwalker recht geradlinig von der Vorbereitung auf Brencis. Seine drei Stellvertreter Ambrus, Bakir und Xanthe sind zentrale Ziele. Gegen das Vampirregime vorzugehen, erhöht Coens Bekanntheit. Die Gegner reagieren darauf etwa mit stärkeren Soldaten oder einer nächtlichen Ausgangssperre in Städten. Sobald der Bekanntheitsgrad sein Maximum erreicht, ist Brencis auf Coen aufmerksam geworden.
Das passt gut zum Zeitlimit. Nebenaufgaben sind nicht einfach nur Beschäftigung, sondern können neue Möglichkeiten für die große Auseinandersetzung eröffnen. Mit der Hexe Anca und weiteren Verbündeten lassen sich Wege freischalten, etwa über ein neu geschmiedetes Schwert oder ein magisches Taufbecken. Welche Vorbereitungen man verfolgt, bleibt offen. Gerade deshalb fühlt sich die begrenzte Zeit nicht wie ein reiner Zwang an, sondern wie eine Aufforderung, Prioritäten zu setzen.
Auch die Charakterentwicklung unterstützt diesen Aufbau. Talentbäume für Schwertkunst, Vampirismus und Zauberei bieten verschiedene Richtungen. Praktisch ist, dass Ausrüstung und Verbrauchsgegenstände unkompliziert gehandhabt werden: Tränke und Salben entstehen im Pausenmenü, Verbesserungen gibt es beim Schmied. Waffen-Sets für Tag und Nacht helfen dabei, sich auf Coens zwei Formen einzustellen.
Etwas unglücklich ist allerdings, dass Charakter-Upgrades ebenfalls Zeit kosten. Das ist konsequent, kann aber dazu führen, dass selbst ein Fortschritt, auf den man hingearbeitet hat, wie eine weitere Rechnung auf der Uhr wirkt.
Der Kampf fordert Geduld
Die Kämpfe verlangen besonders am Anfang viel Aufmerksamkeit. Beim direktionalen Blocken reicht es nicht, nur rechtzeitig zu blocken. Es muss zusätzlich die kurz angezeigte Richtung stimmen. Weil mehrere Gegner gleichzeitig angreifen und die Kamera in unübersichtlichen Situationen nicht immer hilft, entstehen schnell hektische Momente.
Das kann frustrierend sein, vor allem auf den normalen Einstellungen. Positiv ist, wie viele Stellschrauben Rebel Wolves anbietet. Block- und Konterfenster lassen sich anpassen, der Schwierigkeitsgrad kann auf „Story“ sinken. Außerdem gibt es einen alternativen Modus mit universellem Blocken, der dafür Ausdauer verbraucht. Das nimmt dem Spiel seine fordernden Kämpfe nicht weg, erlaubt aber, den Schwerpunkt stärker auf Handlung und Erkundung zu legen.
Weniger gut ist die Verwaltung während eines Gefechts. Nur vier aktive Fähigkeiten liegen gleichzeitig auf der Schnellwahl, eine zweite Auswahl ist für Verbrauchsgegenstände gedacht. Zwischen beiden Gruppen zu wechseln, kostet Aufmerksamkeit, die man bei schnellen Gegnern eigentlich nicht übrig hat. Es ist sinnvoll, die Ausrüstung vor einem Kampf passend festzulegen, aber genau das zeigt auch die Schwäche des Systems.
Schöne Nächte, raue Kanten
Besonders nachts spielt The Blood of Dawnwalker seine Atmosphäre aus. Licht und Nebel passen sehr gut zum düsteren Tal und zu Coens Vampirseite. Die Welt und ihre Systeme haben genug eigene Ideen, damit das Spiel nicht bloß an bekannte Fantasy-Rollenspiele erinnert.
Technisch bleibt aber einiges störend. Im Test traten auf PS5 und PS5 Pro im Qualitätsmodus spürbare Ruckler auf. Der ausgeglichene Modus lief flüssiger. Dazu kamen gelegentlich nachladende Texturen und Objekte. Rebel Wolves hat bereits einen größeren Patch veröffentlicht und einen weiteren zum Start angekündigt.
Auch unabhängig von der Technik fehlt der Bewegung manchmal die Präzision. Die Navigation in der Welt ist nicht immer klar, Coen rutscht beim Klettern häufig von Felsen oder anderen Objekten. Springen wirkt ebenfalls wenig angenehm. Zusammen mit Kamera- und Übersichtsproblemen, besonders in Kämpfen, sind das die Stellen, an denen ein sonst durchdachtes Spiel unnötig stolpert.
The Blood of Dawnwalker überzeugt vor allem dann, wenn seine Systeme zusammenarbeiten: Zeitdruck, Blutdurst, Tageswechsel und Konsequenzen machen jede Aufgabe wichtiger als ein weiteres Häkchen auf einer Karte. Wer ein düsteres Action-Rollenspiel sucht und bereit ist, mit einigen rauen Kanten sowie fordernden Kämpfen umzugehen, bekommt eine Welt, die eigene Entscheidungen nicht folgenlos durchwinkt.